Die älteste Naturrennstrecke Deutschlands liegt im Südosten von Thüringen: das Schleizer Dreieck. Der Kurs hat über viele Jahre hinweg Hunderttausende von Motorsportbegeisterten angezogen. 1924 fand hier die erste deutsche Kraftrad-Straßenmeisterschaft statt, 1950 kamen zu einem Rennen gar 250 000 Fans. Heute gilt die Strecke, die auf zwei Bundes- und einer Europastraße verläuft, als nicht mehr sicher genug. Außerdem behindert die Sperrung der Straßen für die Rennen den Verkehr. Um die Tradition des Schleizer Dreiecks fortleben zu lassen, soll ein Motor- und Freizeitpark mit einer neuen Strecke gebaut werden. Die Initiatoren erhoffen sich davon wirtschaftliche Impulse für die Stadt Schleiz mit ihren knapp 10000 Einwohnern und für den gesamten Saale-Orla-Kreis. Die Mitglieder einer Bürgerinitiative dagegen haben in erster Linie die Eingriffe in die Natur, die der Bau des Motorparks erfordert, vor Augen. Gymnasiasten aus Itzehoe haben sich über das ehrgeizige Projekt informiert, von den Erwartungen, die die Planer und die Bewohner damit verbinden, erfahren und die Bedenken der Bürgerinitiative gehört.
(aus:
Frankfurter Allgemeine
Zeitung, 25.1.99, S.52)
Bilder vom geplanten Rennpark
12. Truckerfestival am Schleizer Dreieck 20. - 22. 06. 2003
Bikertreffen der Biker-Union in Schleiz.

Bürgerinitiative wehrt sich gegen den geplanten Rennpark
"Lieber der Tod der Schleizer Rennstrecke als der Bau am geplanten Standort",
antwortete unser Gesprächspartner auf die Frage, ob er denn keinen Kompromiß
eingehen würde. Der Oberböhmsdorfer Rentner Heinz Rudert hat 1997 eine
Bürgerinitiative gegen den Neubau des neuen Schleizer Dreiecks gegründet, der an
Oberböhmsdorf angrenzen soll. Die drei Mitglieder und zirka 200 Sympathisanten -
das entspricht etwa einem Drittel der Einwohner des Dorfes Oberböhmsdorf -
argumentieren, daß der Rennbetrieb die Landschaft zerstöre und eine zu große
Belastung für die Umwelt darstelle, da man zwei Teiche und einen Bachlauf
zuschütten müsse. Außerdem bemängeln sie die Absenkung des Rennparks um fünf bis
zehn Meter, wodurch auch der Grundwasserspiegel sinken würde. Ihrer Meinung nach
sind auch zu viele Veranstaltungen geplant.
Obwohl natürlich Lärmschutzwälle und -wände errichtet werden, glauben die Bürgerinitiativenmitglieder nicht, daß sie vom Lärm verschont werden. Rudert wirft den Verantwortlichen vor, daß angeblich nicht alle nötigen planerischen Voraussetzungen erfüllt wurden. So beklagt er die fehlende Umweltverträglichkeitsprüfung und das nicht erstellte Planfeststellungsverfahren.
Allerdings vermerkt ein offizielles Schreiben der Stadt Schleiz an die Bürgerinitiative, daß diese Genehmigungen nicht erforderlich seien, da unter anderem die Bedeutung der beiden Teiche aus wasserrechtlicher Sicht zu gering sei. Die Bürgerinitiative hat vergeblich Alternativplätze vorgeschlagen, die aber abgelehnt wurden, weil sie die Auswahlkriterien nicht erfüllten.
Nach Meinung von Rudert verspricht der Rennbetrieb nicht einmal einen wirtschaftlichen Aufschwung, da die meisten Zuschauer oder Beteiligten die Verpflegung selbst mitbringen und campen würden, so daß weder örtliche Geschäfte noch Hotels Gewinn machen könnten. Auch das Argument der Befürworter des Schleizer Dreiecks, daß viele Arbeitsplätze geschaffen würden, tut er als Spekulationen ab: "Die machen doch alles selber, die brauchen unsere Werkstätten nicht." Da aber der Bebauungsplan bereits genehmigt ist und die Bürgerinitiative kein Geld für ein gerichtliches Verfahren hat, bleibt den Rennbahngegnern nur noch eine Chance: Wenn innerhalb von drei Jahren das Geld für den Neubau nicht zusammenkommt, verfällt die Genehmigung wieder.
Claudia Neumann, Tanja Wendlandt
(aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.1.99, S.52)
In den fünfziger Jahren kamen 250 000 Besucher zu den Rennen / Eine Tribüne
erinnert sich
"Gebt Gas und zeigt uns was", schrie die Menge 1924 bei dem ersten Motorradrennen, auf dem Schleizer Dreieck. Damals war ich noch eine unbehauene Holzbank, die an einer Landstraße stand. Ich hatte zwar schon viele Kutschen vorbeifahren sehen, aber das erste Motorradrennen war das Atemberaubendste, was ich je gesehen hatte. Viele Menschen sahen staunend auf die Rennfahrer. Zum ersten Mal wurde der Titel "Meister der Straße" an den Gewinner vergeben. Das war der erste Schritt, der zur Popularität dieser Rennstrecke führte.
Die Strecke wurde so berühmt, daß 1926 beachtliche 100 000 Zuschauer aus Franken, Bayern, Sachsen, Thüringen und anderen Gegenden kamen. Jetzt war der Zeitpunkt da, wo aus mir, einer schlichten, bescheidenen Bank, etwas Wunderbares wurde. Ich wurde zu einer riesigen Tribüne umgebaut. Viele Menschen schenkten mir Beachtung, denn durch mich konnten sie ja viel besser sehen. Bis 1937 stand ich somit auch im Mittelpunkt des Geschehens. Dann folgte, bedingt durch den Zweiten Weltkrieg, eine zehnjährige Pause im Betreiben der Strecke. Ich fühlte mich während dieser Zeit einsam und verlassen, ich vermißte die gespannte Stimmung der Rennen, die heiseren Schreie der bierbäuchigen Würstchenverkäufer und dann die Ruhe in der darauffolgengen Nacht, in der mich die Müllberge der Zuschauer umgaben.
Im Jahr 1948 wurde die Strecke neu eingefahren. Ein Jahr später fand wieder ein traditionelles Motorradrennen statt. 1950 kamen zur ersten deutschen Gesamtmeisterschaft 250 000 Zuschauer täglich, ganz nebenbei gesagt, ich fühlte mich sehr wohl, weil ich jetzt wieder im Mittelpunkt des Geschehens stehen durfte. Doch fand ich es ziemlich gemein, daß zwei Jahre später die von mir so geliebten Wessis vom Rennen ausgeschlossen wurden. Doch die Rennleiter gaben nicht auf und organisierten das erste internationale Rennen im Jahr 1956.
Ich erinnere mich noch sehr gut daran, als im Jahr 1960 zusätzlich zu den Motorradrennen zum ersten Mal die Strecke sogar von Rennwagen befahren wurde. Obwohl ein Jahr später die Westfahrer wegen des Mauerbaus nicht mehr an den Rennen im Osten teilnehmen durften, wurde das Schleizer Dreieck zur Formel-III-Rennstrecke ausgebaut. Im Jahr 1972 wurden auch die Schweizer und Österreicher von den Rennen ausgeschlossen. Daraufhin wurden Polen, Tschechen und Ungarn eingeladen. Der Motorsport am Schleizer Dreieck weitete sich enorm aus, es herrschte ein großer Betrieb. Die Rennfahrer liefen nervös zwischen den Zelten des Fahrerlagers hin und her. Die Zuschauer schlossen Wetten ab, wer diesmal gewinnen würde. Auf beiden Seiten von mir standen Verkaufsbuden, aus denen die Verkäufer kalte Getränke an die durstigen Zuschauer verkauften. Es waren nicht nur die Broiler, sondern auch die Rennen, die die Völker zusammenbrachten. Eine zu Beginn relativ unbedeutende Strecke zeigte sich nun völkerverbindend.
Als 1989 die Mauer fiel, wurden Westdeutsche wieder zu Rennen eingeladen. Das erste Wenderennen fand 1990 statt. Seit 1991 gab es keine Automobilrennen mehr, es finden nur noch Motorradrennen statt. Im Jahr 1992 wurde eine Betreibergesellschaft gegründet, um die traditionsreiche Rennstrecke zu retten. Gleichzeitig sollen die Touristen wieder für meine harte Sitzfläche gewonnen werden, damit sie nach der Fertigstellung der neuen Rennstrecke wieder - wie früher - gespannt Lust am Motorsport haben können.
Diana Kelsch, Rebekka Malzahn
(aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.1.99, S.52)
Rennfahrer Henry Limmer glaubt an den Erfolg der neuen Strecke
"Wie die Jungfrau zum Kind", antwortet Henry Limmer, gebürtiger Thüringer, auf die Frage, wie er zum Rennsport gekommen sei. Der 42 Jahre alte Limmer stieg mit 18 Jahren in den Rennsport ein und wechselte 1979 vom Rallye- in den Tourenwagensport. In dieser Zeit war das Schleizer Dreieck die Hausstrecke Henry Limmers. "Früher war da immer ein Riesen-Rambazamba", beschreibt er die Strecke und erinnert sich, wie er mit seinem 210 Kilometer pro Stunde schnellen Lada über die Strecke raste.
Nach der Wende fuhr er wegen mangelnder Konkurrenzfähigkeit in Tschechien, kam dann aber doch wieder nach Deutschland zurück und wurde trotz technischen Rückstandes 1990 Vizemeister in den Pokalläufen. Auf seiner Hausstrecke, dem Schleizer Dreieck in Thüringen, fährt er heute nur noch Klassikerrennen. Früher feierte er hier vor bis zu 220 000 Zuschauern pro Rennwochenende seine größten Erfolge. Was ihn am Rennsport am meisten beeindruckt, ist die "unbeschreibliche Atmosphäre", die während einer Rennveranstaltung aufkommt, die Beherrschung eines Wagens in Extremsituationen und die Kollegialität, die selbst unter Konkurrenten herrscht. Es werde allerdings immer schwerer, so Limmer, dieses teure "Hobby" zu finanzieren. Es mangele an Sponsoren, die den Rennfahrern finanziell unter die Arme greifen, denn die benötigten Gelder seien alleine kaum aufzubringen. Henry Limmer selbst glaubt durch den geplanten Bau der neuen Rennstrecke an einen wirtschaftlichen Aufschwung für die Region. Der gelernte Werkzeugmacher betont, daß dadurch in der wirtschaftlich schwachen Region die unbedingt benötigten Arbeitsplätze geschaffen werden könnten. Es entstünden, so Limmer, nicht nur auf der Strecke selbst Arbeitsplätze, sondern auch der Tourismus würde angekurbelt werden.

Helge Roeder, Max Gulde, Christina Jansen, Sabrina Werth
(aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.1.99, S.52)
Ausgedacht
2006 stürmen die Fans wieder ans Dreieck
Wir schreiben das Jahr 2006. An diesem Wochenende findet das erste Sportwagenrennen in der Geschichte des Schleizer Dreiecks statt. Nach dem Umbau können auf den Tribünen und den Zuschauerrängen über 100 000 Menschen Platz nehmen. Die Anlage wird nicht nur für Rennsportereignisse wie Motorrad- oder Tourenwagenmeisterschaften, sondern auch für Konzerte und zum Beispiel Boxveranstaltungen genutzt. Doch die Hauptattraktion sind die Sportwagenrennen, die immer von deutschen Spitzenfahrern belebt werden. Auch dies ist ein Grund dafür, daß die Arena zum erstenmal seit der Fertigstellung im Jahr 2001 ausgelastet ist.
Zu diesem Ereignis stürmen nicht nur Fans aus Deutschland, sondern auch aus ganz Europa. Ein weiterer Grund dafür ist natürlich auch das hervorragende Umfeld und Ambiente des Schleizer Dreiecks. Am schönsten sind die Grünflächen rund um die Strecke herum. Alles blüht und gedeiht. Die Strecke hat sich zu einer parkähnlichen Anlage mit besonderer Flora und Fauna entwickelt. Und auch die neuen Restaurants und Imbisse, die eröffnet worden sind, sind voller Menschen. Außerdem wurden Hotels für die auswärtigen Zuschauer nahe an die Rennstrecke gebaut. Es paßt einfach alles zusammen. auch keiner beschwert sich mehr wegen der Lautstärke, weil die ganze Arena sehr gut gedämpft worden ist. Es ist schon ein großes Erlebnis, das Schleizer Dreieck zu besuchen.
Alexander Offt,
Joel Pingel, Jan Voß
(aus:
Frankfurter Allgemeine
Zeitung, 25.1.99, S.52)
Für die traditionsreiche Naturrennstrecke ist ein Neubau geplant
Eigentlich nur zwei Bundesstraßen und eine Europastraße - und das soll das berühmte Schleizer Dreieck sein? Das einzige, was an eine Rennstrecke erinnert, sind die Tribünen und ein paar rot-weiße Sicherheitsstreifen an einigen der 22 Kurven. "Es ist ein Punkt erreicht für eine Erneuerung", sagt Thomas Haberkern, Stadtarchitekt des südlich von Gera gelegenen Schleiz, zur Frage des Neubaus des Schleizer Dreiecks. Die Entscheidung, eine völlig neue Rennstrecke beziehungsweise einen Motor- und Freizeitpark zu bauen, beruht auf jahrelangen Überlegungen, die seit 1994 im Gange sind.
Die jetzige Strecke ist die älteste Naturrennstrecke Deutschlands - 75 Jahre -, also schon ein Grund, stolz zu sein. Allerdings ist es, nach Meinung des Stadtarchitekten, heute nicht mehr vertretbar, öffentliche Straßen als Rennstrecken zu "mißbrauchen". Außerdem seien die notwendigen Sicherheitsstandards auf der traditionsreichen Strecke nicht gewährleistet, und die Sperrung der drei wichtigen Straßen an den Renntagen behindere den Verkehr in der Region. Da die alte Strecke nicht mehr "zeitgemäß" sei, habe man die Idee gehabt, innerhalb der schon seit 1923 bestehenden Rennstrecke, die zwischenzeitlich den Krieg, eine Verkürzung und eine weitere kleine Veränderung in Form einer Schikane überstanden hat, einen 13 Hektar großen Motorpark mit einer etwa 4 Kilometer langen Rennstrecke zu errichten. Dort sollen anspruchsvolle Automobilrennen gefahren werden, "auf die Formel 1 hoffen wir aber nicht", sagt Haberkern.

Die Naturrenstrecke Schleizer Dreieck führt durch den Stadtteil Oberböhmsdorf: Eines der letzten Trabi-Rennen 1990
Die Organisatoren versprechen sich von diesem Neubau einen wirtschaftlichen Aufschwung und eine Aufpolierung des Images der 10 000-Einwohner-Stadt. Der erste Beigeordnete des Bürgermeisters, Hermann Schmeiszer, betont, daß der Neubau keine "Hobbymaßnahme", sondern von außerordentlicher Wichtigkeit für die Region sei. Die Stadt soll nicht nur von den Infrastrukturmaßnahmen profitieren. Die Besucher des Parks werden Hotels und Gaststätten bevölkern, örtliche Gewerbebetriebe beim Bau und bei der Instandsetzung der Strecke mitwirken, Sicherheitsdienste, Händler und viele andere an den Renntagen beschäftigt werden, so die Erwartungen von Peter Röhlig, Geschäftsführer der Betreibergesellschaft Schleizer Dreieck mbH, der die Stadt Schleiz, der ADAC Hessen-Thüringen, der MC Motorsport Schleizer Dreieck und das Landratsamt des Saale-Orla-Kreises angehören. Mindestens 100 Arbeitsplätze könnten durch den Neubau gesichert werden, ist Landrat Peter Stephan überzeugt, während derzeit Hotels, Gaststätten und Händler über Überkapazitäten verfügten. Auch hofft er darauf, daß große AutomobiIzubehörfirmen ihre Produkte auf der neuen Strecke testen werden. Den Neubau betrachtet Stephan, als Wirtschaftsfaktor ersten Ranges für die Region. "Wenn der Ring nicht kommt, haben wir als Attraktion im Saale-Orla-Kreis nur noch die Talsperren." An große Investitionen von Unternehmen sei hier nicht zu denken.
Damit sich der 50 bis 60 Millionen DM teure Neubau überhaupt lohne, dürften nicht nur Auto- oder Motorradrennen ausgetragen werden, sondern es müsse eine große Palette von anderweitigen Freizeitangeboten neben den zehn Renntagen zur Verfügung stehen. Die Organisatoren denken dabei an Musikkonzerte oder andere kulturelle Veranstaltungen. Sogar Skilanglauf soll im Winter auf der Strecke möglich gemacht werden. Und obwohl sich fast alle - Landrat, Bürgermeister und viele Schleizer - einig sind, gibt es Gegner, die sich, meist aus Umweltgründen, gegen den Neubau der Rennstrecke aussprechen. Der Beigeordnete des Bürgermeisters, Schmeiszer, versicherte, daß beim zwei Jahre dauernden Neubau der Strecke besonders auf die Natur geachtet würde. So will man auf den geplanten Lärmschutzwällen sowie im Bereich der Rennstrecke großflächig Rasen anpflanzen. Auch Bäume und Sträucher sollen dabei nicht zu kurz kommen. Außerdem werde man darauf achten, daß die Versiegelung durch Asphalt oder Beton möglichst gering gehalten wird. "Ein wahres Biotop entwickelt sich auf solchen Rennstrecken", meint Schmeiszer. Das Land Thüringen wird sich, davon geht die Betreibergesellschaft aus, über Fördermittel an der 50 bis 60 Millionen DM teuren Investition beteiligen. Bisher sind aber noch keine Mittel bewilligt. Fließen keine öffentlichen Gelder, will man sich, so Stadtarchitekt Haberkern, nach privaten Investoren umschauen. Angesichts der nicht geklärten Finanzierung scheint die Realisierung des Projekts noch ziemlich unsicher. Hat das Schleizer Dreieck noch eine Zukunft? Entsteht die neue Rennstrecke, oder wird Schleiz schlafen für alle Ewigkeit?
Julia Biernacki, Hella Marioth, Matthias Sedlmeier OIIIa
(aus:
Frankfurter Allgemeine
Zeitung, 25.1.99, S.52)
Umgehört
Gemischte Gefühle bei Schleizer Bürgern
Es ist Donnerstag nachmittag. Der Novemberhimmel über Schleiz ist bedeckt. Die
Luft empfindlich kalt. In einer parkähnlichen Anlage harken zwei Männer
mittleren Alters in Arbeitsanzügen Blätter zusammen. Auf eine kurze Frage hin
halten sie inne. "Was ich mir vom Neubau des Schleizer Dreiecks erhoffe, wollen
Sie wissen?" fragt der eine skeptisch aufblickend, "nichts ... kein Kommentar."
Er bückt sich wieder, um das Zusammengeharkte aufzuheben und auf seinen Karren,
der neben ihm steht, zu werfen.
"Wissen Sie", erklärt sein Kollege nach einer Weile, "uns kann es egal sein, an unserer Situation ändert sich nichts." Den Rechen an die eher schmächtige Schulter gelehnt, wischt er seine grobe rechte Hand am Blaumann ab. Dann fährt er im nachdenklichen Ton fort: "Und für die gesamte Region hier, da wird sich auch nicht groß was verändern, denke ich." "Für die Tradition", so läßt der andere Mann vernehmen, der bisher schweigend weiterarbeitend zugehört hat, "für die Tradition der Strecke ist es ja schön und gut. Aber ob ein großer Wandel, sprich Schaffung von Arbeitsplätzen, den diese Region so benötigt, stattfinden wird, ist meiner Ansicht nach mehr als fraglich."
Ein paar Straßen weiter ist eine ältere Dame da ganz anderer Ansicht: "Na sicher werden durch das Projekt viele Arbeitsplätze geschaffen. Denken Sie zum Beispiel an die Gastronomie hier im Ort. Darum unterstützt doch das Land Thüringen den Neubau der Schleizer Rennstrecke mit großem finanziellen Aufwand. Meinen Sie, die würden dies ohne Grund tun? Nee, die versprechen sich davon doch einen wirtschaftlichen Aufschwung." Wenn es um die Zukunft ihrer Stadt geht, zeigen sich. viele Schleizer Bürger verhalten optimistisch. Alte Erinnerungen, neue Hoffnungen, aber auch offene Skepsis werden mit dem Schleizer Dreieck verbunden. Mit gemischten Gefühlen beobachten sie den Neubau der einstigen, über nationale Grenzen hinweg berühmten Rennstrecke.
Johannes Heil ,OIIIa
(aus:
Frankfurter Allgemeine
Zeitung, 25.1.99, S.52)
Bilanz der Begegnung
"Wir werden in Kontakt bleiben"
Von Itzehoe fuhren die Schüler und Schülerinnen des Sophie-Scholl-Gymnasiums nach Greiz in Thüringen.
Im allgemeinen war es ein interessanter Austausch, jedoch war ich auch überrascht, wie groß der Unterschied in der Lebensqualität zwischen den alten und neuen Bundesländern ist. Ich habe erkannt, daß es nicht selbstverständlich ist. daß es einem so gut geht.
Markus Tolksdorf, Itzehoe
Ich fand den Austausch sehr schön, interessant und vor allem lustig.
Verständigungsprobleme gab es nur wegen der Dialekte. Ich habe meinem
Austauschpartner auch noch einen original Thüringer Weihnachtsstollen
mitgegeben. damit er auch etwas von unserer "Eßkultur" mitbekommt.
Stefan Riebold, Greiz
Ich habe diese Reise ohne irgendwelche Vorurteile und ohne große Erwartungen
angetreten. Ich wollte einfach alles auf mich zukommen lassen. Deshalb fiel es
mir auch nicht schwer, mich der doch etwas anderen Situation in Thüringen
anzupassen. Es war interessant zu sehen. wie Menschen im selben Land leben und
doch ganz anders sind.
Anna Silitsch, Itzehoe
Allgemein habe ich mich gut mit meiner Austauschpartnerin verstanden. Ich fand
es schon ein wenig komisch, als ich Claudia zum ersten Mal sah, und getraute
mich gar nicht, sie gleich anzusprechen. Die Itzehoer hatten auch ein ganz
anderes Verhältnis zueinander, als ich es von uns kenne. Die Klasse war wie eine
Familie, was ich von unserer nicht behaupten kann.
Carmen Bayer, Greiz
Ich habe viele nette Menschen kennengelernt. mit denen ich noch lange in Kontakt
bleiben werde. Ich habe gedacht. daß die Greizer eventuell Vorurteile haben
könnten. Doch im Gegenteil: Sie waren alle entgegenkommend, nett und
offenherzig. Um es noch einmal zu betonen: Mir hat es dort sehr gefallen, und
ich würde es jederzeit wieder machen.
Christian Schoodt, Itzehoe
Ich habe mich eigentlich ganz gut mit meiner Austauschpartnerin verstanden.
Trotzdem sind mir eine Reihe von Unterschieden zwischen uns beiden aufgefallen,
zum Beispiel das Essen, die Sprache, das Verstehen beziehungsweise der Umgang
mit Klassenkameraden und das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern.
Stephanie Schneider, Greiz
Der Schüleraustausch war für mich und. ich hoffe, meinen Partner sehr schön. Es
gab zwar kleinere Probleme, auch wegen der Sprache, aber wir verstanden uns
ziemlich schnell. Sie hatten leider wenig Interesse an unserer Stadt und den
Sehenswürdigkeiten in der Umgebung, da sie lieber auf Partys oder zu Freunden
gehen wollten. Wir bekamen eine andere Mentalität zu spüren, die sich von der
ostdeutschen erheblich unterscheidet.
Mirko Börner, Greiz
Das Projekt hat uns viel Arbeit, aber auch viel Freude gemacht. Die Schüler und
wir sind an der gemeinsamen Aufgabe und an der Begegnung mit anderen Menschen
weitergewachsen und zusammengewachsen. Die Eltern haben das Projekt wie
selbstverständlich mitgetragen. Für uns Lehrer war es eine Wiederbegegnung mit
den Kollegen, zu denen der Kontakt im Laufe des vergangenen Jahres nicht
abgerissen ist. Es haben sich inzwischen Freundschaften entwickelt, und so war
es für uns alle ein freudiges Wiedersehen.
Stefan
Schippers, Friederike Landschoff, Projektlehrer, Sophie-Scholl-Gymnasium,
Itzehoe Christine Dietel, Jens Sippel, Jens Wagner, Projektlehrer, 1.
Staatliches Gymnasium, Greiz
Gestern ein Rennfahrer im Verhör, heute Gast auf dem Schleizer Dreieck
Schüler des Itzehoer Gymnasiums auf Projekt-Forschung in Greiz
Im Kreuzfeuer der Fragen von Schülern der Klasse. 9 a des
Sophie-Scholl-Gymnasiums von Itzehoe und der 9d und 10 b des Staatlichen
Gymnasiums I von Greiz stand gestern nachmittag Rennfahrer Henry Limmer, Chef
des gleichnamigen Greizer Kfz-Handels und Mitglied des Historischen
Rennsportclubs Greiz/Neumühle e.V. im ADAC in der vollbesetzten Aula des
Gymnasiums der Kreisstadt. Limmer bot den reichen Erfahrungsschatz seiner
Fahrerpraxis auf, vor allem auch in Sachen Schleizer Dreieck, das er wie seine
Westentasche kennt. Und die Geschichte und Gegenwart dieses Rennspektakels stand
auch im Mittelpunkt der vielen Fragen.
Dies ist auch das Thema, das sich die Jugendlichen aus Schleswig-Holstein im Rahmen eines Schülerprojektes der "Frankfurter Allgemeiner Zeitung" gestellt haben, an der sie sich genau wie die Greizer Gymnasiasten seit vergangenem Jahr beteiligen. Henry Limmer gab einen Rückblick über seine sportliche Laufbahn, die ihn seit 1973 über zahlreiche Rennpisten von Schleiz über Hohenstein-Ernstthal, Ungarn, Tschechien und nach der Wende nach Hockenheim und anderswo führten. "Wenn andere Kinder in der Wiege Milch bekamen, wurde mir wahrscheinlich Benzin gegeben", scherzte Limmer unter Beifall auf die Frage, wie er zum Motorrennsport kam. Was das Schleizer Dreieck betreffe, so wolle er sich dafür einsetzen, daß die vorgesehene separate Rennstrecke gebaut werde. Schleiz und den Rennsport könne man nicht trennen, und er verwies auf die lange Tradition dieser ältesten Naturrennstrecke Deutschlands. Heute nun werden sich die Gäste aus dem Flachland, die von Dienstag bis zum Sonnabend bei Gasteltern in Greiz wohnen, bei der Schleizer Stadtverwaltung und im Fahrerlager weitere Informationen zum Dreieck holen. Greiz haben sie sich schon angeschaut, am Freitag steht die Wartburg auf dem Programm, meinte die Greizer Deutschlehrerin und Projektverantwortiche Christine Dietel. Und als ihr Partner aus Itzehoe, Stefan Schippers, Henry Limmer für seine Ausführungen dankte, klopfte die gesamte Truppe auf die Tische.

(OTZ, 5.11.98)
12. Truckerfestival am Schleizer Dreieck 20. - 22. 06. 2003 |
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